Hochseebetankung

Mai 18th, 2009 von GALEB

Seit nunmehr zwei Tagen sind wir wieder in Bewegung, wenn auch mehr vertikal als horizontal, aber immerhin – der Kurszeiger steht auf Horta.
Nachdem unser Mast über Bord gesprungen ist, sind wir zunächst 50sm durch die Nacht mit Ostkurs motort. Am nächsten Morgen habe ich dann unser Surfsegel geriggt und wir sind mit diesem jämmerlichen Ding immerhin 120sm gefahren – im Bogen zunehmend südlich, bis der Wind derart stark von Osten kam, dass wir das Segelchen flach legten und beigedreht den Sturm abwetterten. Es trieb und mit einem Knoten westwärts, was ich durch einen selbstgebastelten Treibanker nochmals zu bremsen versuchte. So harrten wir eineinhalb Tage in Berg- und Talfahrt aus und verloren dabei über 30sm zu unserem Ziel. Da wir lediglich etwa 150liter Sprit im Tank hatten, war klar, dass wir niemals zu den Azoren unter Motor kämen – und mit was sonst, wenn der Wind uns keine Chance lässt?

Am 16.5.2009 kam per Mail die Nachricht, dass der Frachter DENISE mit Sprit im Anmarsch sei. Wie auch immer war die Freude nur kurz, denn er konnte uns nicht finden und ist wieder seines Weges gezogen.
Nachmittags dann die neue Meldung des RCC-Norfolk, dass der Tanker ALPHA ERA auf uns zu hält. Nach heftigen Mail-Orgien habe ich einen Treffpunkt auf der gedachten Verbindungslinie vorgeschlagen, der die Strecke etwa im Verhältnis unserer Geschwindigkeiten teilt. Umgehend wurden die Maschinen angeworfen mit Kurs 020, dem Tanker entgegen, damit die Übergabe noch bei Tageslicht stattfinden kann.

Um 1900UTC dann endlich Funkkontakt mit ALPHA ERA. Kurz darauf wurden wir von ihnen gesichtet. Exakt auf der vorausberechneten Position drehte der Tanker nach Stb ab und stoppte die Maschinen. Wir waren nun noch wenige Minuten entfernt und hielten auf das Heck des Riesen zu. Sicherheitshalber brachten wir Bb zwei dicke Fender aus, falls uns die Bordwand zu nahe käme. Milena wurde mit einem Hörbuch im Salon geparkt und die restlichen Matrosen platzierten sich mit Einpickgeschirr und Rettungswesten an Deck. Als wir am Heck vorbei im Lee des Stahlkolosses an seiner Steuerbordseite entlang fuhren winkte uns die wartende Crew an der Reling etwa mittschiffs, wo zwanzig blaue Kanister aufgereiht standen.

Ich hielt unser Boot bei 1-2kt Fahrt in möglichst gleichem Abstand von der Stahlwand, wobei uns die Wellen ständig auf und ab hoben. Eine Wurfleine wurde zu uns herüber geschmissen, die Felix gleich aufnahm. Am anderen Ende wurden eine zweite Leine und der erste Kanister befestigt. Ein Seemann ließ den Kanister ab, Felix und Carina holten die (ziemlich schmutzige) Wurfleine ein und hievten den ersten Kanister an Bord, der von Moritz gleich ins Cockpit geschafft wurde.
Nach einigen derartigen Manövern bekam die Truppe sichtlich Routine und es dauerte keine halbe Stunde, bis die ganzen 500 Liter bei uns an Bord waren. Der Kapitän, sein erster Offizier an der Reling und ich standen die ganze Zeit per Funk in Kontakt. Am Ende der Aktion tönte es aus dem Lautsprecher: „You asked for 400 Liter – we gave you 500 as a present to you and your family. Good luck!“

Milena auf meinen Schultern, meine Matrosen Spalier an Deck – so verabschiedeten wir uns laut rufend und winkend von unseren Rettern. Wir werden Euch nie vergessen.

(Wolfgang)

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